Unterricht im Welterbe

Unterwegs mit

Alessandra Lochmatter von der Stiftung UNESCO-Welterbe SAJA

Kindern die Natur näherbringen, Nachhaltigkeit und Biodiversität thematisieren. Das ist die Aufgabe von Biologin Alessandra Lochmatter, wenn sie mit Schulklassen das UNESCO-Welterbe Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch (SAJA) besucht. Ich habe den Welterbe-Guide bei der Arbeit begleitet, auf einer Wanderung von der Grossen Scheidegg zur First.
 

«Das coolste Klassenzimmer»

Es ist laut im Zug. Kein Wunder, gleich zwei Klassen der Schule Matten sind unterwegs von Interlaken nach Grindelwald. Beide nehmen sie an einer von der Stiftung SAJA organisierten Exkursion ins UNESCO-Welterbe Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch teil. Ich begleite die Klasse 3/4 b, welche heute mit Alessandra Lochmatter unterwegs ist. Die 21 Schülerinnen und Schüler im Alter von 9 und 10 Jahren sind voller Vorfreude. Die Lehrerinnen Marietta Briner und Claudia Eymann freuen sich ebenfalls auf «das coolste Klassenzimmer der Welt», wie die Stiftung in ihrem Prospekt zum Thema Bildung schreibt. Und auch das Wetter spielt vorerst noch mit.

 
Nach der Zugfahrt geht es mit dem Postauto von Grindelwald auf die Grosse Scheidegg.

«Wir sind in der Champions League»

Von Grindelwald geht es mit dem Postauto weiter auf die Grosse Scheidegg. Alessandra Lochmatter begrüsst die Klasse in ihrem ausgeprägten Walliser Dialekt. «Versteht ihr mich?» Die Schülerinnen und Schüler nicken. «Wo sind wir?», will die 29-Jährige wissen – und breitet am Boden eine Karte aus. Und dann: «Was ist ein Welterbe?». «Ein besonders schöner Ort, der geschützt werden muss», sagt eine Schülerin. Eine gute Antwort. Von manchen alten Gebäuden und besonderen Landschaften sagt die UNESCO, dass sie zum Erbe der gesamten Welt gehören. Mit diesen soll gut umgegangen werden, damit auch die Menschen in der Zukunft noch etwas davon haben. «Unser Welterbe ist einzigartig, vielfältig und inspirierend», nennt Alessandra Lochmatter wichtige Kriterien, die das Gebiet auf Walliser und Berner Boden erfüllen musste, um als Welterbe aufgenommen zu werden. «Es ist die höchste Auszeichnung. Wir befinden uns in einer Liga mit den Galapagos-Inseln in Ecuador, dem Yellowstone Nationalpark und dem Grand Canyon in den USA oder dem australischen Barriere Riff. Wir sind in der Champions League», sagt sie nicht ohne Stolz. Nur wissen das viele nicht. Als vor der Exkursion das UNESCO-Welterbe in der Schule kurz thematisiert wurde, war den meisten Schülerinnen und Schülern nicht bewusst, dass sie ein Welterbe vor der Haustüre haben.

 

Von Bergahornen und Sudetenfaltern

«Wenn ihr unterwegs Abfall seht, bitte nehmt ihn mit. Auf der First können wir ihn dann entsorgen», gibt Alessandra Lochmatter der Schulklasse noch eine Aufgabe mit auf den Weg. Dann kann die Wanderung beginnen. Nach wenigen Minuten legen wir einen ersten Halt ein. Alessandra Lochmatter stellt auf Bildern einige Pflanzen und Tiere vor, die im Welterbe Zuhause sind. Zum Beispiel den Sudetenfalter. Die Unterart des Sudeten-Mohrenfalters Erebia sudetica inalpina, um genau zu sein. Er lebt weltweit nur an einem einzigen Standort, nämlich in Grindelwald. Landwirtschaftliche Über- wie auch Unternutzung bedrohen seinen Lebensraum. Mit einer an die Bedürfnisse des Tagfalters angepassten Bewirtschaftung und Entbuschungsaktionen wird sein Lebensraum aufgewertet, damit er sich hoffentlich ausbreitet und wieder häufiger vorkommt. A propos Aktionen: Auch Bergahorn-Pflanzaktionen finden regelmässig statt. Interessierten Bewirtschaftern wird das Material zum Pflanzen und Sichern von Bergahorn-Nachwuchs (Bäumchen und Pfosten) kostenlos zu Verfügung gestellt. Zu den gefährdeten Tieren gehört in der Schweiz auch das Birkhuhn. Alessandra Lochmatter erzählt von den oft stundenlangen Balztänzen der Birkhähne. Ein beeindruckendes Schauspiel – im UNESCO-Welterbe Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch jeden Frühling zu beobachten.

 

Die Klimaerwärmung – und die Folgen für das Murmeltier

Wir wandern weiter. Aus der Ferne hören wir ein Pfeifen. «Ein Murmeltier», vermutet eine Schülerin richtig. «Was hat das Murmeltier für ein Problem, wenn es immer wärmer wird», fragt Alessandra Lochmatter in die Runde? Die Hände bleiben unten – und so schiebt die Biologin auch gleich die Antwort hinterher. «Im Sommer müssen sich sie Murmeltiere möglichst viele Fettreserven für den Winterschlaf anfressen. Wenn es nun aber zu heiss ist, bleiben sie tagsüber in ihrem Bau, da sie kaum schwitzen und an warmen Tagen schnell überhitzen würden.» Die unschöne Folge: Die Fettreserven reichen im Winter nicht aus, die Tiere verhungern.

 
Die Biologin zeigt auf den Punkt, wo soeben ein Murmeltier aus seinem Bau gekommen ist.

Beängstigender Gletscherschwund

Die Klasse 3/4 b aus Matten ist eine Klasse wie jede andere auch. Mit Schülern, die bei jeder Frage gleich die Hand hochstrecken. Mit Schülern, die sich nie zu Wort melden. Mit Schülern, die immer zuvorderst neben dem Guide laufen. Mit Schülern, die sich gerne unauffällig zurückfallen lassen. Mit aufmerksamen und mit verträumten Schülern. Beim Thema Gletscher aber sind sie alle ganz Ohr. Insbesondere dann, als Alessandra Lochmatter erzählt, dass der Grindelwaldgletscher vor hundert Jahren noch bis hinunter ins Dorf reichte. Für die Schülerinnen und Schüler ist die Klimaerwärmung plötzlich sichtbar. Das ist eindrücklicher, als wenn man in einem Buch liest, dass die Gletscher jedes Jahr x Meter zurückgehen. Auch sonst erfahren sie hier viel Wissenswertes zum Thema Gletscher. Etwa, wie er aufgebaut ist – und was sich alles verändern würde, wenn wir plötzlich kein ewiges Eis mehr hätten.

 

Regenschutz statt Sonnencreme

Erst gerade noch hatten sich die Schülerinnen und Schüler mit Sonnencreme eingerieben, nun müssen sie plötzlich den Regenschutz aus ihrem Rucksack holen. Ein schneller Wetterumschwung, wie er so typisch für die Berge ist. Viel mehr als ein Nieseln ist es glücklicherweise nicht. Dass Unwetter schlimme Folgen haben können, werden wir später auf unserer Exkursion noch erfahren.

 
Sonne, Regen, Nebel: Unterwegs erleben wir die komplette Wetterpalette.

Vielfältige Pflanzenwelt

Vorerst steht aber noch einmal die Pflanzenwelt im Vordergrund. «Was kennt ihr für Pflanzen», fragt Alessandra Lochmatter. «Enziane, Tannen, Pusteblumen», die Antworten sind vielschichtig. So weit so gut. Aber wieso haben Enziane so grosse, auffällig gefärbte Blüten? Wieso riechen Orchideen nach Vanille oder Schokolade? «Um Insekten anzuziehen, um von ihnen bestäubt zu werden», erklärt die Biologin. «Und wenn es regnet, verschliessen Enziane ihre grossen Blüten. Der ideale Schutz.» Ja es ist ein Wunder der Natur, wie sich die Natur der Umwelt anpasst. Das gilt auch für die Tierwelt. So tarnen sich zum Beispiel die Schwebefliegen als Bienen oder Hummeln, um dem Feind zu suggerieren, sie hätten einen Stachel. Wie bestellt, verfängt sich just in diesem Moment eine Schwebefliege in der Pelerine einer Schülerin. Ganz die Biologin zückt Alessandra Lochmatter eine Lupendose aus ihrem Rucksack – und fängt die Schwebefliege ein. Und so wandert sie von Hand zu Hand der Schülerinnen und Schüler – ehe sie wieder in die Freiheit entlassen wird. «Erinnert ihr euch noch, was ich über das Murmeltier erzählt habe?», fragt Alessandra Lochmatter. Die Schülerinnen und Schüler nicken. «Das ist Alpenklee, die Leibspeise des Murmeltiers. Sie beinhaltet viele Fettsäuren, perfekt für die Reserven im Winter.» Wenn die Sommer zu heiss werden, nützt aber auch der beste Alpenklee nichts, wie wir vorher gelernt haben.

 

Mittagspause im Nebel

Es hat mittlerweile aufgehört zu regnen, dafür zieht jetzt dichter Nebel auf. Vom Picknick vor den Augen des Eigers wollte ich schreiben, das wird jetzt wohl nichts. Die Eigernordwand wird trotzdem thematisiert. Und es wird auch gegessen. Dem schlechten Wetter zum Trotz. Zu gross ist der Hunger der Schülerinnen und Schüler. Und so vielfältig das UNESCO-Welterbe ist, so vielfältig ist auch das Mittagessen der Schülerinnen und Schüler. Von Früchten über Nüsse, Chips, den herkömmlichen Sandwichs bis zu fixfertigen, noch warmen Menüs ist alles vorhanden. Während des Essens kreist plötzlich ein grosser Vogel am Himmel. Ein Bartgeier? Nein eher ein Steinadler. Aber noch bevor wir uns hundertprozentig sicher sind, verschwindet er wieder im Nebel.

 
Der Nebel stört bei der Mittagspause nicht.

Unberechenbare Natur

Mit vollem Magen setzt sich die Gruppe langsam wieder in Bewegung – um dann vor einer Steintafel stehen zu bleiben. «Zum Andenken an Albert Schlunegger», steht unter anderem darauf. Neugierig wie Kinder sind, wollen sie die Story dahinter wissen. Schlunegger war ein Grindelwalder Skifahrer und Bergführer. Am 6. August 2000 war er mit einer Gruppe Amerikaner auf einem Wanderweg im Gebiet First unterwegs, als sie von einer unvorhersehbaren Schlammlawine überrascht wurden. Schlunegger und zwei Amerikaner – ein Vater und sein erst 12-jähriger Sohn – liessen ihr Leben. Ein trauriges Beispiel dafür, wie unberechenbar die Natur sein kann.

 

Faszination Steine

«Bis zum nächsten Halt sucht sich jede und jeder einen Stein», gibt Alessandra Lochmatter den Schülerinnen und Schülern eine Aufgabe mit auf den nächsten Abschnitt – und lernt, dass sie Aufgaben ganz genau stellen muss, denn schon schleppen erste Schüler halbe Felsbrocken mit. «Ein kleiner Stein, der gut in die Hand passt», präzisiert sie denn auch umgehend. Wir verlassen den Wanderweg, deponieren auf einer Wiese unsere Rücksäcke. «Bitte macht zwei Gruppen und stellt euch im Kreis auf», sagt Alessandra Lochmatter, nachdem sie die Steine eingesammelt hat. Nun bekommt jede und jeder hinter dem Rücken einen Stein in die Hand – und muss ihren resp. seinen Stein wiedererkennen. Ist er es nicht, wird der Stein rechtsrum weitergegeben. So lange, bis alle ihren Stein wieder zurückhaben. Denn dieser dient danach auch noch einem Experiment. Alessandra Lochmatter träufelt auf jeden einzelnen Stein Salzsäure. Reagiert der Stein – also bildet sich Schaum – handelt es sich um Kalk, ansonsten um Silikat.

 

Und was würdet ihr verändern?

Dass das Thema Nachhaltigkeit in den Köpfen der heutigen Jugend angekommen ist, zeigt sich beim letzten Stopp. «Was würdet ihr verändern», fragt Alessandra Lochmatter. Die Schülerinnen und Schüler sitzen auf einem Felsen und sprudeln nur so vor Ideen: Nicht so oft mit dem Auto fahren, einmal im Jahr eine Woche autofrei einführen, den Zug statt das Flugzeug nehmen, beim Duschen weniger Wasser brauchen, auf Bambusholz verzichten, einheimische statt exotische Früchte kaufen, kein Nutella konsumieren wegen dem Palmöl, damit weniger Regenwald abgeholzt wird, auch Früchte ins Verkaufsregel stellen, die nicht der Norm entsprechen. «Ein dreieckiger Apfel wäre eh cooler», findet ein Schüler.

 
Nachhaltige Jugend: Die Schulklasse erzählt, wie sie die Welt besser machen würde.

Ein bisschen Adrenalin gefällig?

Ein letzter kleiner Aufstieg, dann sind wir auf First. Hier wartet noch der Cliff Walk auf die Schulklasse. In Einerkolonne wagen sich die Schülerinnen und Schüler über den Felsensteg. Das ist nur etwas für Schwindelfreie. Ich begleite die Klasse kurz – und kehre dann um.

 
Im Nebel über den First Cliff Walk.

Besser als jedes Schulbuch

Dann geht es mit der Gondel zurück nach Grindelwald. Für einige Schülerinnen und Schüler die erste Gondelfahrt in ihrem Leben. Entsprechend heben sie diese dann verständlicherweise auch hervor, bei der Frage nach den bleibenden Eindrücken an diesen Tag. Und sonst? «Mir haben die Natur und die Berge gefallen», sagt Melissa. Zudem beschäftigt die 10-Jährige der Gletscherrückgang. Das scheint die Klasse durchs Band am meisten zu beschäftigen. Auch Anouk (10) und Iris (9) erwähnen dies. Erstere ist auch beeindruckt von den Geschichten über die Eigernordwand. Lou (10) wiederum war angetan vom Experiment mit den Steinen, vom Cliff Walk und dem Spielplatz in Grindelwald, wo die Schülerinnen und Schüler vor der Rückfahrt mit dem Zug noch einen kurzen Halt einlegen. Adriana (10) schwärmt von der Gondelfahrt, vom Wandern, dem Zug- und Postautofahren sowie dem Mittagessen. Und dass sie heute viel gelernt hat. In einem Punkt sind sich die Schülerinnen und Schüler einig: Lernen in der Natur macht mehr Spass, als im Klassenzimmer.

 

Zur Person

Die Biologin Alessandra Lochmatter arbeitet seit 4 Jahren für die Stiftung UNESCO-Welterbe SAJA in Naters. Sie ist zuständig für den Bereich Aufwertung und Erhaltung der Natur- und Kulturlandschaft sowie Forschung und Monitoring. Ebenfalls hilft sie bei der Umweltbildung mit. Dazu gehört auch, dass sie pro Jahr rund 15 Schulklassen auf Exkursionen im Welterbe-Gebiet begleitet, unter anderem auch in der Jungfrau Region.

Mehr Informationen
Infos zum Thema Bildung für Nachhaltige Entwicklung im UNESCO-Welterbe Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch

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Fotos: Salome Näf
Story: Raphael Hadorn
Sommer 2022

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